Insgesamt sind die Therapiehäufigkeiten in Brandenburg über die drei Erfassungszeiträume bei allen Tierarten gesunken, wenn auch in unterschiedlichem Maße. Allerdings bewegen sie sich in Brandenburg und auch Deutschland bei einigen Tierarten nach wie vor auf sehr hohem Niveau. So lag die Kennzahl 2 im 2. Halbjahr 2015 bei Mastputen bundesweit bei 32,3 und in Brandenburg sogar bei 35,5. Das heißt, theoretisch könnte jede Pute im Betrieb an 35 Tagen im Halbjahr mit Antibiotika behandelt worden sein.
Hinter der vermeintlich positiven Entwicklung der sinkenden Therapiehäufigkeiten könnte sich zudem eine Katastrophe verbergen: So könnten Tiermäster verstärkt auf sogenannte Reserveantibiotika zurückgreifen, welche häufig schneller wirken. Da die Behandlungstage in die Berechnung der Therapiehäufigkeit eingehen, sinkt sie durch diesen Trick. Diese Wirkstoffe wurden jedoch von der WHO als "highest priority critically important", also als extrem wichtig in der Humanmedizin, eingestuft. Sie sollten so selten wie möglich eingesetzt werden, um ein letztes Mittel gegen multiresistente Keime zu bieten, bei denen viele herkömmliche Antibiotika schon nicht mehr wirken (z.B. MRSA oder ESBL-produzierende Keime).
In Brandenburg werden jährlich rund 150 MRSA-Infektionen nachgewiesen. Einer Bundesratsinitiative zum Verbot von Reserveantibiotika schloss sich Brandenburg jedoch nicht an. Hier wollte die Landesregierung wohl den brandenburgischen Tiermästern entgegenkommen. Zu der Vergabe von Reserveantibiotika in ganz Brandenburg und deren Entwicklung in den letzten zwei Jahren stehen bisher keinerlei Informationen zur Verfügung. Die entsprechenden Daten müssen dringend öffentlich gemacht werden, um ein gegebenenfalls schnelles Gegensteuern möglich zu machen.
Beim Vergleich der Landkreise, auf Grundlage der Daten aus der Anwort der Landesregierung auf eine Kleine Anfrage, weisen die Landkreise Elbe-Elster, Prignitz und Märkisch-Oderland besonders viele Kennzahlüberschreitungen auf. Von 54 Tiermastbetrieben in Märkisch-Oderland setzte beispielsweise fast die Hälfte überdurchschnittlich viel Antibiotika ein. Besonders bedenklich: Im Landkreis Märkisch-Oderland, von wo detaillierte Daten vorliegen, wurden 461 Liter und 54 Kilogramm Reserveantibiotika eingesetzt. Der größte Anteil davon wurde in das Trinkwasser von Geflügel gegeben, also vermutlich vorsorglich einer größeren Gruppe von Tieren. Diese Art der Anwendung erhöht die Gefahr von Resistenzbildungen.
Der BUND fordert konkrete Reduktionsziele für Antibiotika und grundsätzliches Verbot von Reserveantibiotika in der Tierhaltung. Die Antibiotikagabe muss lückenlos dokumentiert und eine Einzeltierbehandlung bei Krankheiten durchgesetzt werden. Die Mindeststandards für die Tierhaltung und -zucht sind darüber hinaus so zu verbessern, dass Antibiotika entbehrlich sind. Die nach dem Arzneimittelgesetz erhobenen Informationen müssen der Öffentlichkeit landkreisgenau zugänglich gemacht werden.
* nur Betriebe mit durchschnittlich mehr als 20 Mastkälbern, 20 Mastrindern, 250 Mastferkeln, 250 Mastschweinen, 10000 Masthühnern oder 1000 Mastputen
Die gesamte Auswertung für das Land Brandenburg finden Sie in diesem Hintergrundpapier.
Pressemitteilung vom 1.6.2016: "Landesregierung vernachlässigt Blick auf Reserveantibiotika in der Tierhaltung"